plan t

plan t – TRA.FO / Einbettung in den Stadt-Alltag  (Permakultur und Kunst)

(von Karsten Winnemuth)

“There is plenty for all of us”, artikuliert die Skulptur mit dem Titel “plan t”.
Sie entfaltet sich seit 2005 auf 180qm öffentlichem Raum, gelegen in intensiver Randzone der Innenstadt von Kassel (196.000 Einwohner), nah zwischen Bahnhofsviertel mit Drogenstrich, Bordellen, subkulturellem Nachtleben und Fußgängerzone mit den üblichen Konsumtempeln, am Rande des alten Friedhofs der Lutherkirche, zwischen ewiger Ruhe und permanentem Autolärm, hinterm TRA.FO.
Die Skulptur lebt, atmet ein und aus im Rhythmus der Jahreszeiten, entwickelt sich. Sie besteht aus mehr oder weniger bekannten Nutzpflanzen; ca. 75 verschiedene edle Arten sind hier eingebracht durch Saatgutwürfe, Knollenlegungen und Pflanzungen. Dazu gesellen sich die Pioniere der natürlichen Sukzession: hallo Meerrettich, aha Huflattich, willkommen Johanniskraut und Knoblauchsrauke etc…. Der Gärtner ist faul, greift so wenig ein wie möglich: na gut, Fünffingerkraut (Potentilla reptans), eigentlich hätte ich hier gern ein offenes Beet für Selbstaussäer, aber Dein Nachdruck, hier Bodendecker zu sein, ist doch stärker….
Ein zaunloser, auf kleinster Fläche höchst vielfältiger Garten also, ein botanisches Experimentierfeld, das natürliche Muster offenbart, Biomassenakkumulation betreibt und als Extrakt neue Generationen von Lebenskeimen hervorbringt.
Saatguternte ist immer besonderes Gärtnerglück. Dieses Jahr hab ich bis Anfang Juli Schwarzwurzel-, Schnittlauch-, Akelei- und Erbsenstrauchsamen geerntet, bald kommt jede Menge Helgoländer Wildkohl. In den letzten 3 Jahren konnte ich aus dem Projekt heraus folgende Arten vermehren: Buchweizen, Kresse, Ruccola, Rote Melde, Baumspinat, Quinoa, Kamut, Feuer-, Busch- und Saubohne, Kasseler Strünkchen, Süßdolde, Beinwell, Calendula, Cosmea, Eibisch, Herzgespann, Muskateller Salbei, Brennende Liebe u.a. über Samen, sowie über Knollen Oca, Erdmandel, Topinambur, Knollenziest, Yacon und Yam und durch Teilung Taglilie, Moxa, Taro und Aloe Vera. Das Saatgut und Jungpflanzen wurden mehrfach präsentiert auf selbstorganisierten Tauschbörsen oder als Bestandteil von Ausstellungen – easy fair share.
Als Skulptur ist plan t hier an einem urbanen Ort seltsamer Schnittmengen als Arbeit zur Transformation vom Feld der Knappheit in ein Feld der Fülle gemeint.
Doch wer kann das lesen? OK, vorher war hier Rasen. Jetzt stecken im üppigen Beet Schilder, die größtenteils wie im botanischen Garten Pflanzen bezeichnen und den Vorübergehenden subtile Assoziations-Inputs wie “Fleischkraut” (nordhessischer Spitzname für die Rote Melde) oder auch “Paradies Paradigma” mit auf den Weg geben.
Doch der Mainstream der Passanten sucht sein Feld der Fülle 300 m weiter im City Point, im Saturn z.B.; aber da ist die Knappheit schon immanent, geiz ist geil, und Konsumenten ahnen: diese Fülle erzeugt Leere, mitunter in den Gemütern, in den Geldbeuteln sowieso ….
Am TRA.FO gibt´s immer freien Kaffee oder Tee. Wir sitzen zwischen einer imposanten Traueresche und einer zauberhaften, (schutz- und bühnen-) raumspendenden alten Eibe, verschwinden fast im Laufe des Jahres hinter Immergrüner Ölweide, Hopfengirlanden und wachsenden Baumspinat- und Moxabeifußhecken, und freuen uns über Besucher, die sich vom Asphalt auf die gemulchten Wege wagen ins Innere des Transformators, um die aktuelle Ausstellung anzuschauen.

2001 habe ich diese kleine, lange ungenutzte Nische entdeckt und mich verliebt: ein denkmalgeschütztes Trafohaus, amöbige 50iger Jahre-Architektur, mit einem tropfenförmigen, ohrenöffnend resonierendem Hauptraum und einem schmalen, länglichem Raum mit großem Fenster zur Straße hin.
Gerhild Werner und ich haben ein Konzept für die künstlerische Nutzung geschrieben und vom Kulturamt absegnen lassen, woraufhin die Städtischen Werke uns das kleine Gebäude mietfrei zur Bespielung überlassen haben. 2002 zur documenta 11 haben wir als Künstlergruppe die freie Kulturinitiative TRA.FO gegründet, seitdem gab es hier über 60 Kunstausstellungen (Malerei, Fotografie, Video-, Klang- und Rauminstallationen etc.) von mehr oder weniger renommierten Künstlern, sowie ein weitgefächertes Kulturprogramm mit Lesungen, Vorträgen, Performances, Konzerten, Workshops und dem regelmäßigen Klangforschungsprojekt “Sound Emission”, das -wie viele Aktionen- zum Mitmachen einlädt.
90% der Veranstaltungen waren eigentlich OK bis gelungen bis super, der Rest wurde von Besoffenen oder Aggressiven dominiert. 2 x Vandalismus, 3 x eingebrochen, 5 x vor die Tür geschissen, wie schon angedeutet kein einfacher Kiez. Manchmal jenseits von Vernissage und Finissage enttäuschende Besucherzahlen.
Doch eine ganze Menge Leute haben sich hier kennengelernt, einige neue Gruppen und Projekte sind so entstanden, z.B. unsere öffentlichen Subsistenz-Spaziergänge im documenta-Jahr 2007.
2006 bis zur Umsiedlung im Frühjahr 2008 hatten wir ein Bienenvolk auf dem Dach, lecker documenta-Honig, Maßnahmen zur Belebung der Innenstadt.
Sechs volle, irgendwie leidenschaftliche Jahre sozio-kultureller Arbeit bringen also Einiges an Erfahrung: Umgang mit Menschen, Ideen, Umsetzungen (Frust und Freud, alles drin), Umgang mit Institutionen und Ämtern, Positionierungen, Kooperationen mit anderen Kultureinrichtungen und Akteuren, Öffentlichkeitsarbeit, Impulse, Mit-Weben am Netz der Stadtgesellschaft.
Ich denke, mit dem TRA.FO und plan t sind einige Permakultur-Prinzipien verwirklicht. Neben den Grundprinzipien earth care – people care – free share findet sich die Fertigkeit, mit wenig Mitteln (Jahresbudget 900,- € städtische Kulturförderung) und aus kleinstem Raum heraus eine ausdauernde und komplexe kreative Vielfalt mit relativ hoher Wirkung zu erzeugen und Räume für Partizipation und Selbstorganisation zu öffnen.
Letztes Jahr hab ich mit den Buchstaben TRAFO ein Akrostichon gebildet: Transformator – Resonanzraum – Autopoiesis – Feldforschung – Oase.
Plan t macht zusammen mit den schon vorhandenen Bäumen die Oase, die einen geschützten Raum bildet und einem das Gefühl geben kann, man wäre hier gar nicht mitten in der Stadt. “Kleine Oase”, sagen tatsächlich viele Besucher.
Im Kunstkontext (erweitert! Beuys ist in Kassel durch seine 7000 Eichen sehr präsent) ist sie entwicklungsoffene Skulptur innerhalb der Sozialen Plastik TRA.FO.
Für Andere ist sie einfach ein Ort zum Durchatmen, für Andere wiederum etwas Nichteinordbares, das sie besser ignorieren oder für noch Andere eine Löwenzahnquelle für ihre Kaninchen…

Projektbeschreibung (aus dem Jahr  2005)

Das Projekt “Kulturpflanzen-Pflanzenkultur-Permakultur / plan t” sieht als Teil Kassels Kulturhauptstadtbewerbung vor, in dieser Dekade vielfältige, nützliche und nachhaltige Pflanzungen und Gärten für Kassel zu etablieren, deren Potential sich über weitere Jahrzehnte entfalten kann.
Besonderer Schwerpunkt liegt bei der Auswahl von Pflanzen, die mit minimalstem Pflegeaufwand relativ großen Nutzen (auch als Nahrungsquelle) bringen sowie bei der Erhaltung alter Kultursorten und seltener Arten.
Die Palette der Möglichkeiten reicht von Einzelpflanzungen über die Schaffung offener Gemeinschafts-und Projektgärten bis hin zur Anlage “essbarer Parks/Landschaften”.

Seit 2005 spiegelt das Pflanzenprojekt “plan t – there is plenty for all of us” den Stand des Kulturhauptstadt-Projektes (siehe http://www.kasselgewinnt.de / Projekte auf dem Weg / sinnliche Urbanität / Gärten+Parks).
Angebunden an die Kulturinitiative TRA.FO / Lutherplatz entstand ebenda im Außenraum eine kleine “Versuchs-Forschungs-und Vermehrungsfläche für seltene Nutzpflanzen”, ein bunter, offener Garten von hoher Diversität, der auch als Skulptur gefasst werden kann: eine Arbeit zur Transformation vom Feld der Knappheit in ein Feld der Fülle.
Vom künstlerischen Aspekt her ist die Innenstadtlage optimal für “plan t”.

Die Fläche wird über das ganze Jahr mit permakultureller Behutsamkeit gepflegt und gestaltet, oftmals auch unter Einbeziehung von Kindern aus der Nachbarschaft.
In Kooperation mit dem Umwelt-und Gartenamt wurden 2 Erbsensträucher und 2 Oelweiden sowie eine Quitte gepflanzt, die dort dauerhaft wachsen können, ansonsten stehen Schönheit, Vielfalt und Vermehrung im Vordergrund an diesem für das Gesamtprojekt temporären Ort. Pflanzenkenntnis wird durch Beschilderung, Workshops und direkte Gespräche vermittelt.
Von zahlreichen Nutz- und Heilpflanzen, die zur Blüte kommen (u.v.a. auch “Kassel-spezifische” Arten wie Kasseler Strünkchen und Herkuleskeule, eine Flaschenkürbis-Art), wird Saatgut gewonnen.

Die Fläche am Lutherplatz soll in diesem Sinne weitergepflegt werden.
Jedes Frühjahr findet eine Tauschbörse mit bisher hier gewonnenem Saatgut statt. Darüber hinaus werden weitere Standorte für das Projekt “plan t” gesucht (Schwerpunkt Stauden, Sträucher und Bäume).

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